Alles, was ich während der viermonatigen Reise brauche, findet in einem Koffer und einem Tagesrucksack Platz. Ein befreiendes Gefühl, mit so wenig unterwegs zu sein! Im Gepäck habe ich einige alte Kleider, die ich seit langem aufbewahrt habe für den Fall, dass ich einmal eine Weltreise machen würde. Sie sind verwaschen, ausgeleiert, haben kleine Schäden – oder alles zusammen. Und sie dienen in meinem Koffer als Platzhalter für Erinnerungsstücke, die sich in den kommenden Wochen ansammeln werden. Zuhause habe ich Platz geschaffen für neue Erinnerungen. Das war eine von vielen Ideen für Beschäftigungen während meiner Auszeit: Ausmisten.
Den Wunsch nach einer Auszeit vom Arbeitsleben habe ich mehrere Jahre mit mir herumgetragen. Erst recht genährt wurde er, als ich das Buch «Auszeit als Chance» von Carsten Alex las. Der Titel gefiel mir zwar gar nicht, aber die Begeisterung, mit der Alex eine Auszeit empfiehlt, beeindruckte mich. Er bezeichnet den begrenzten Zeitraum einer Auszeit als Chance, sich frei verfügbare Zeit zu schenken um zur Besinnung zu kommen, Neues zu entdecken und aus sich heraus und von aussen neue Anregungen zu erhalten. Und das ist es auch, was ich momentan als grösstes Geschenk empfinde: frei über meine Zeit verfügen zu können.
Neuseeland, die Schweiz des Südens?
Mein erster Eindruck von Neuseeland anfangs März – unter dem Einfluss des Schlafentzugs, den ich während des Fluges von Hong Kong nach Auckland durchgemacht hatte – war: Und was ist jetzt so anders als in der Schweiz?
Nach drei Wochen im Land kann ich nun sagen: so manches! Auf unseren ersten Kilometern im neuseeländischen Linksverkehr fiel Ralph und mir auf, wie grün die Landschaft ist. Ein Maori erklärte uns einige Tage später bei einem Cappuccino an der Bay of Islands (Nordinsel), sie hätten im Februar äusserst viel Regen gehabt. In anderen Jahren seien die Wiesen, Felder und Wälder in dieser Jahreszeit deutlicher brauner gewesen. Unübersehbar ist auch, dass Neuseeland sehr viel Wald hat und diesen stark bewirtschaftet. Ganze Gebiete sind abgeholzt und wieder aufgeforstet worden. Erkennbar sind sie an den in Reih und Glied stehenden Nadelhölzern.
Während der Reisetage, an denen wir jeweils drei bis vier Stunden Auto fahren, habe ich als Beifahrerin und Navigatorin ausführlich Gelegenheit, die Landschaft zu beobachten und zu kommentieren. Was mir besonders gefällt, ist, dass die maximal erlaubte Geschwindigkeit ausserorts 100 km/h beträgt. Die guten Strassenverhältnisse und der spärliche Verkehr tragen ebenfalls dazu bei, dass das Reisen mit dem Auto eine bequeme Sache ist.
Eine Freude für Sprachliebhaberinnen und Sprachliebhaber sind die wohlklingenden Ortsnamen: Kaiteriteri, Pipiriki, Punakaiki, Tarawera, Waiohiki, Waitangi oder Waipoua. Sie stammen von den Maori, welche Neuseeland als erste bevölkerten. Heute sind die Maori eine Minderheit. Vor ungefähr 2000 Jahren liessen sich die ehemals polynesischen Inselbewohner auf der von ihnen entdeckten Insel nieder. Sie hatten diese dank einer über ihr liegenden langen, grossen Wolke gefunden und gaben ihr deshalb den Namen «Aotearoa» (ao = Wolke, tea = weiss, hell, durchsichtig, roa = lang, hoch).
Als Gast im Land der langen, weissen Wolke
«Hi dear, how are you today?» So werden wir hier meist begrüsst, sei es an der Kasse im Supermarkt, im Café, Restaurant oder in der Unterkunft. Jede und jeder ist zu einem Schwätzchen aufgelegt und generell ganz locker drauf. In den bisher besuchten Hotels, Pensionen und Bed & Breakfasts waren die Betreiber immer sehr präsent. Sei es mit Tipps für gute Restaurants, Sehenswürdigkeiten oder interessante Reiserouten.
Da die Zimmer häufig mit einer kleinen Küche ausgestattet sind, können wir je nach Lust und Laune im Restaurant essen oder auch mal selber kochen. Heute auf der Menükarte: Ciabattabrot vom Markt mit zweierlei einheimischem Käse, Butter und schwarzer Johannisbeerkonfitüre. Zum Dessert Custard (Vanillecreme) mit frischen Heidelbeeren.
In Cafés und Restaurants bekommt jeder Gast ungefragt und kostenlos zuerst ein Glas oder eine Kanne Hahnenwasser hingestellt. Dafür fehlt das Brot – und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen gibt es kein Brot für den ersten Hunger oder als Begleitung zur Vorspeise, zum anderen ist die Tradition des krustenreichen Brots hier fast gänzlich unbekannt. Wir finden im Supermarkt ganze Wände voll verschiedener Toastbrote, während Sauerteig- oder Weizenbrote nur im Spezialitätenregal, am Wochenmarkt oder im Gourmetladen auffindbar sind. Umso mehr haben wir uns über das noch warme Sonnenblumenbrot gefreut, das uns Andrea, eine Motel-Gastgeberin, nach der ersten Nacht überreichte!
Glutenfreie Ernährung scheint ein grosses Thema zu sein. In fast jedem Café ist deklariert, welche Speisen Gluten enthalten und welche nicht. Stolz und mit einer Tüte Brötchen haben wir einmal einen Gourmetladen verlassen – nicht ahnend, dass die vermeintlich leckeren Teilchen aus Soja-, Tapioka- und Reismehl gefertigt waren. Glutenfrei also und leider auch ohne den ersehnten Geschmack nach frischem Weizenbrot!
Rauchverbote gelten nicht nur innerhalb von Gebäuden, sondern auch in öffentlichen Anlagen wie Parks, Sehenswürdigkeiten und auf Bahnsteigen. Gelände von Schulen, Spitälern und Stadien gehören ebenfalls dazu. Das Präventionsprogramm «Smokefree New Zealand 2025» sieht vor, dass Kinder bis dahin dem Tabakrauch und Rauchen nicht mehr ausgesetzt sind. Es strebt eine Raucherquote von 5 Prozent an. Ein Päckchen Marlboro kostet seit dem 1. Januar 2016 in Auckland mehr als 14 Franken!
Neu für uns ist das Alkoholverbot im öffentlichen Raum, gekennzeichnet mit dem Schild «liquor ban area». Hohe Strafen gelten für alle, die in dem bezeichneten Bereich Alkohol trinken oder auf sich tragen. Dieses zusätzliche Gesetz wurde eingeführt, da sich beispielsweise in der Stadt Dunedin gezeigt hatte, dass bei rund 75 Prozent der Verhaftungen und Ruhestörungen nach 19 Uhr Alkohol im Spiel war.
Von stillen Örtchen, schlauen Tierchen und rollenden Japanern
Die Dichte an ordentlichen, öffentlichen Toiletten an Überlandstrassen und in Städten und Dörfern ist beispiellos. Nimmt man die Tatsache hinzu, dass Neuseeland pro Quadratmeter von zwölf Mal weniger Menschen bevölkert wird als die Schweiz, wird klar, weshalb vor der Damentoilette nie Warteschlangen zu sehen sind!
Trotzdem ist Neuseeland gemäss Angaben unserer Gastgeber überbevölkert. Possums und Hasen sind ein grosses Problem. Sie fressen Gärten leer, graben Löcher in Rasen und landen auf den Strassen vor oder unter den Autos. Ralph und ich staunten nicht schlecht, als wir eines Nachmittags im Garten unseres Bed & Breakfast einen mit einer Flinte bewaffneten Mann entdeckten… – Es war nur der Hasenjäger, erfuhren wir später.
Das von heranrennenden Possums geplagte Autofahrervolk wird vom Staat am Strassenrand mit vielen Tipps bedacht. Die Hinweise für gutes, unfallfreies Autofahren sind aufmunternd und nie belehrend, und mögliche Gefahren wie versteckte Kurven oder unerwartete Einfahrten werden rechtzeitig mit einem «Concealed»-Schild angekündigt. Nur das Warnschild mit dem Hinweis «slippery when frosty» (Schleudergefahr bei Frost/Eis) stellt uns nach wie vor vor Rätsel… Was Ralph beim Fahren sofort aufgefallen ist, nämlich, dass überaus viele Toyota Corollas unterwegs sind, bestätigte sich in seiner Internetrecherche: Jedes fünfte Auto auf Neuseelands Strassen ist ein Toyota!