Mit dem Zug durch ganz Amerika

Seattle-New York. Ich wäre wohl nicht so optimistisch gewesen, hätte mir jemand kurz vor unserer Weiterreise mit dem Zug die Anzahl Kilometer genannt, die vor uns lagen (5093 km). Das Vorhaben ganz in Frage gestellt hätte ich, wenn ich geahnt hätte, wie stark wir auf dem letzten Streckenabschnitt (Chicago-New York, 1543 km) durchgeschüttelt werden…

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Occidental Square in Seattle nahe der King Street Station, wo unser Zug abfährt

Im Empire Builder (Seattle-Chicago). Unsere Schlafkabine ist unerwartet geräumig. Auf exakt 4.6 Quadratmetern verteilen sich

  • ein Sessel
  • zwei breite Sitzplätze (gleichzeitig unteres Etagenbett)
  • eine kleine Garderobe
  • ein Klapptischchen
  • eine Ablage für das leichte Gepäck
  • zwei Einbaukästchen für Handtücher und Wasserflaschen
  • ein Waschbecken
  • ein Klo (das nach kleinen Anpassungen zur Dusche wird) sowie
  • jede Menge praktische Klapp-Kleiderhaken.

Zwei Spiegel lassen den Raum grösser wirken, als er effektiv ist. Die Beleuchtung ist gut, die Lüftung funktioniert und wir sind im zweiten Stock.

An den Vierertischen im Bordrestaurant bietet sich Gelegenheit für längere Gespräche mit Mitreisenden. Rhonda und John aus Oregon fahren zum Highschool-Abschlussfest ihrer Enkelin nach Fargo (North Dakota). Nein, die Stadt sei ganz und gar nicht so, wie im Film der Coen-Brüder dargestellt, hebt Rhonda hervor.

Ein anderes Paar kommt aus Alaska. Für mich ein Ort am Ende der Welt, der jedoch durch die Erzählungen im Speisewagen ein Gesicht bekommt. In der Hauptstadt Juneau leben Susan und Bill mit den vielen dunklen Stunden im Winter und den langen Tagen im Sommer. Tausende von Kreuzfahrtpassagieren fluten in der warmen Jahreszeit täglich die Stadt, und erst im Herbst haben die Bewohner sie wieder für sich. Als einzige Hauptstadt eines US-Bundesstaates hat Juneau keine Strassenanbindung. Erreichbar ist sie nur mit dem Flugzeug oder Schiff!

Pamela aus St. Louis am Mississippi ist selber weit gereist und interessiert sich sehr für unsere Reiseerlebnisse. Die ältere Lady betont im spannenden Gespräch während des Lunchs, dass Bildung und Reisen diejenigen Dinge im Leben seien, die man immer mit sich trage und von denen man am meisten zehre. „Carpe diem!“, ruft sie, streckt den Zeigefinger in die Luft und lacht.

In Chicago heisst es nach knapp zwei Tagen Fahrt aussteigen, sechs Stunden in der Stadt verbringen und nach dem Eindunkeln wieder einsteigen.

Im Lake Shore Limited (Chicago-New York). Wenn bloss dieses Schütteln nicht wäre! Dass der Wagen bei jeder Weiche beinahe aus den Schienen zu springen scheint, ist erträglich. Aber dieses laute Geräusch bei jeder Kurve, als ob er mit dem Wagen nebenan zusammenprallen würde, beunruhigt mich. Die vorbeiziehende Landschaft mit den riesigen Seen (Lake Michigan und Lake Erie) hingegen ist superschön.

Dass es in den USA mit der Infrastruktur nicht zum Besten steht, haben wir schon auf den Strassen bemerkt. Auf den und entlang der Schienen bestätigt sich dieser Eindruck.

Nach der Fahrt durch sechs Bundesstaaten, nach drei Mal Die-Uhrzeit-um-eine-Stunde-Vorstellen, vielen Gesprächen und einigen Seufzern sind wir in New York.

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